Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
Ja. Hier ist eine kompakte, lexikalische Fassung für das Musiklexikon, mit Schwerpunkt auf dem eigentlichen Skandal und seiner kulturpolitischen Bedeutung:
Der sogenannte „Abraxas-Skandal“ entzündete sich 1948 an Werner Egks Ballett Abraxas. Das Werk nach Motiven aus Heinrich Heines Der Doktor Faust wurde am 6. Juni 1948 im Münchner Prinzregententheater uraufgeführt. Die fünf Vorstellungen waren ausverkauft und wurden vom Publikum begeistert aufgenommen.
Anstoß erregten insbesondere Szenen des dritten Bildes, das als Pandämonium bezeichnet wird und eine sogenannte „Schwarze Messe“ darstellt. Die Verbindung von erotischen Darstellungen, dämonischer Thematik und Elementen des katholischen Messritus stieß vor allem bei konservativ-katholischen Kreisen auf scharfe Kritik.
Der bayerische Kultusminister Alois Hundhammer wandte sich gegen die weitere Aufführung des Balletts. Nachdem die amerikanische Militärregierung ein Verbot nicht unterstützte, sorgte Hundhammer dafür, dass Abraxas nach der Sommerpause nicht wieder in den Spielplan der Bayerischen Staatsoper aufgenommen wurde.
Anfang 1949 entwickelte sich daraus eine öffentliche kulturpolitische Auseinandersetzung. Im Bayerischen Landtag wurde darüber gestritten, ob ein staatliches Theater ein künstlerisch erfolgreiches Werk aus religiösen und moralischen Gründen vom Spielplan nehmen dürfe. Kritiker sahen in der Absetzung einen Eingriff in die Freiheit der Kunst. Hundhammer verwies dagegen auf seine Verantwortung für die staatlichen Bühnen.
Auch rechtlich setzte Egk sich gegen die Absetzung zur Wehr und verlangte vom Freistaat Bayern Schadenersatz wegen nicht erfüllter Aufführungsverpflichtungen. 1951 wurde ein Vergleich geschlossen, in dem sich die Bayerische Staatsoper verpflichtete, drei Werke Egks aufzuführen.
Der Skandal steigerte die Bekanntheit von Abraxas. Während das Ballett in München jahrzehntelang nicht mehr gespielt wurde, kam es an anderen deutschen Bühnen zu erfolgreichen Aufführungen. Eine Berliner Produktion erreichte zwischen 1949 und 1956 insgesamt 95 Vorstellungen.
In München blieb Abraxas dagegen lange tabu. Erst 2001, anlässlich von Egks 100. Geburtstag, wurde das Ballett wieder im Prinzregententheater aufgeführt.
Der „Abraxas-Skandal“ gilt als bedeutender kulturpolitischer Konflikt der frühen Nachkriegszeit. An ihm entzündete sich nicht nur eine Auseinandersetzung über Moral und Religion, sondern auch die grundsätzliche Frage nach den Grenzen staatlicher Einflussnahme auf die Kunst.