Tucherpark
| Straße / Hausnr. | Am Tucherpark |
|---|---|
| Stadtteil | 1. Altstadt-Lehel – Lehel |
| Personen | Ruf Sep |
- »Zeichen 74« von Bernhard Heiliger
- »Würfelskulpturen« von Isamu Noguchi
Volltext / Weitere Informationen
In den letzten Jahren rücken die Bauwerke der Nachkriegszeit immer stärker in den Fokus der Denkmalpflege. Neben Kirchen und öffentlichen Gebäuden finden nun auch verstärkt Büro- und Verwaltungsgebäude, meist als Einzelbaudenkmale, Eingang in die bayerische Denkmalliste. Der Münchner Tucherpark, eine der wenigen einheitlich geplanten Bürosiedlungen Deutschlands aus der Zeit der 1960er Jahre, konnte nun kürzlich als Ensemble in die Denkmalliste eingetragen werden.
Die Planungen für diesen Büropark begannen 1965. Die Bayerische Vereinsbank, heute HypoVereinsbank, musste aufgrund von Kapazitätsmangel in der Innenstadt, wo die Bank noch heute ihren Stammsitz hat, auf ein Quartier am Rand der Innenstadt ausweichen. Man entschied sich für das Gelände der Tivoli-Kunstmühle, das sich östlich des Englischen Gartens und westlich der Ifflandstraße und der Isar befindet. Seinen Namen verdankt der Tucherpark dem damaligen Vorstandssprecher der Bayerischen Vereinsbank, Hans Christoph Freiherr von Tucher (1904-68), der als Initiator der Siedlung gilt.
Die Gesamtanlage geht auf eine Planung des renommierten Münchner Architekten Sep Ruf (1908-82) zurück. Sep Ruf, bekannt für seine am Internationalen Stil orientierten Bauten wie zum Beispiel dem Deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Brüssel, dem Kanzlerbungalow in Bonn und der Kunstakademie in Nürnberg, hatte sich auch in seiner Heimatstadt München unter anderem mit dem Bau der Neuen Maxburg und der Kirche St. Johann von Capistran in Bogen-hausen einen Namen gemacht. Er stellte 1967 einen städtebaulichen Grundplan für den Tucherpark auf, der bis zu den letzten Bauten der Siedlung, die erst Mitte der 1980er Jahre entstanden, verbindlich war. Die Bürogebäude sind entlang dem mit einem Bogen umgeleiteten Eisbach, der das Gelände in Nord-Süd-Richtung teilt, aufgereiht. Dazwischen finden sich eine Vielzahl an kleinen Straßen und Sackgassen, die teilweise mit Brücken über den Eisbach die einzelnen Gebäude miteinander verbinden. In der Mitte des Parks, im Bogen des Eisbachs, befindet sich als höchster Baukörper das 15-geschossige Hilton-Hotelhochhaus. Zu allen Seiten des Hotels sind mit weiten Abständen die Bürobauten angeordnet, die deutlich niedriger - höchstens siebenge -schossig - sind. Zwischen den Gebäuden liegen weitläufige, begrünte Freiflächen, die eine harmonische Verbindung zum nahtlos anschließenden Englischen Garten herstellen. Die Grünplanung übernahm der Ismaninger Landschaftsarchitekt Karl Kagerer. Daneben tragen die auf dem gesamten Areal verteilten Skulpturen und Brunnen aus verschiedenen Materialien und von verschiedenen Künstlern, die in die Freiflächengestaltung eingebettet sind, dazu bei, die planerische und künstlerische Qualität des Tucherparks stärker hervorzuheben: beispielsweise zwei unterschiedlich große, polygonale Würfelskulpturen aus Granit und Aluminium des japanisch-amerikanischen Bildhauers Isamu Noguchi (1904-88) von 1972, die auf einer kleinen Platzanlage zwischen dem Eisbach und dem Technischen Zentrum aufgestellt sind. Auf Vermittlung von Sep Ruf entstand die freistehende Bronzeplastik „Zeichen 74" des Berliner Künstlers Bernhard Heiliger (1915-95). Sie steht neben dem ehemaligen EDV-Zentrum der Landeszentralbank (Sederanger 4) auf einem kleinen Sockel über dem Eisbach.
Ganz im Süden des Tucherparks liegt das Technische Zentrum der Bayerischen Vereinsbank (Am Tucherpark 12). Es entstand als erster Bau nach Entwurf von Sep Ruf in den Jahren 1968-70. Der viergeschossige Bau über hohem Sockelgeschoss ist flach gedeckt und den Fassaden sind umlaufende Laubengänge vorgelegt. Wegen seiner künstlerisch-architektonischen Bedeutung und seines Vorbildcharakters für die Gestaltung der restlichen Gebäude auf dem Gelände wurde dieser Bau zudem als Einzeldenkmal in die bayerische Denkmalliste eingetragen. Der Bau des 15-ge-schossigen Hilton-Hotels (Am Tucherpark 7) nordwestlich des Technischen Zentrums erfolgte in den Jahren 1970-72 nach Entwürfen von Sep Ruf und dem New Yorker Architekturbüro Curtis & Davis, die für die Grundplanung der Hotels des Hilton-Konzerns beauftragt waren. Die Gebäude der Bayerischen Vereinsbank entlang der Ifflandstraße (Am Tucherpark 14-16), die sich in ihrer Gestalt an das Technische Zentrum anlehnen und mit diesem über einen Gang verbunden sind, wurden 1970-75 nach Entwürfen von Sep Ruferbaut. 1998-2000 hat das Münchner Büro Fritsch & Tschaidse das Casino in diesem Gebäude umgebaut und erweitert. Nördlich an diesen Erweiterungsbau der Bayerischen Vereinsbank schließt sich entlang der Ifflandstraße das achtgeschossige, jetzt ehemalige Rechenzentrum von IBM Deutschland (Am Eisbach 4) an. Es entstand ebenfalls nach Plänen von Sep Ruf in den Jahren 1969-72. Gleichzeitig errichtete IBM westlich des Rechenzentrums einen dreigeschossigen Verwaltungsbau (Am Eisbach 3), dem auch eine Planung von Sep Ruf zugrunde liegt. Das ehemalige EDV-Zentrum der Landeszentralbank in Bayern (Sederan-ger 3), ein sechsgeschossiges, terrassenförmig aufgebautes Gebäude, entstand 1971-74 nördlich des Hilton-Hotels nach Plänen der Bauabteilung der Landeszentralbank. Etwa zur gleichen Zeit (1971-76) errichtete die Bayerische Rückversicherung (Sederanger 4-6) nach Plänen des Münchner Architekten Uwe Kiessler eine Verwaltungszentrale, die sich aus drei zusammenhängenden und einem einzeln stehenden Stahlbetonskelettbau auf kreisrundem Grundriss zusammensetzt und somit in ihrer Gestalt deutlich aus der restlichen Bebauung des Tucherparks herausragt. Der einzeln stehende Baukörper wurde 1988-90 ebenfalls durch Uwe Kiessler um zwei Geschosse aufgestockt. Eine Sport-und Freizeitanlage mit Schwimmbad, Turnhalle und Gastronomie (Am Eisbach 5) ließ die Bayerische Vereinsbank am Nordende des Tucherparks ab 1972 vom hauseigenen Baubüro errichten.
Die jüngsten Bauten auf dem Areal des Tucherparks befinden sich am Westrand unmittelbar an den Englischen Garten angrenzend und stammen aus den 1980er Jahren. Es handelt sich dabei um zwei fünfgeschossige, über einen gemeinsamen Eingang verbundene, baulich identische Verwaltungsgebäude der Bayerischen Vereinsbank (Sederanger 5). Der Entwurf stammt von der Architektengemeinschaft Grünwald, dem Nachfolgebüro Sep Rufs. Sie wurden 1985-86, zur gleichen Zeit wie ein weiterer fünfgeschossiger Verwaltungsbau der Bayerischen Vereinsbank (Arn Tucherpark 1), den der Münchner Architekt Georg Alexander Roemmich entworfen hatte, errichtet. Als reine Bürosiedlung der späten 1960er Jahre mit einheitlicher Grundplanung ist der Münchner Tucherpark in Bayern einzigartig. Zum Vergleich können in Deutschland als Beispiele die Hamburger City Nord oder die Bürostadt Niederrad in Frankfurt am Main herangezogen werden. In Hamburg war eine ähnliche Ausgangslage wie in München ausschlaggebend für die Planung und Umsetzung des Büroparks am Rande der Innenstadt: Es fehlte an ausreichend großen Bauflächen im Innenstadtbereich. Die erste Phase der Bauwettbewerbe, zu denen sich die einzelnen Großkonzerne, die ihre Verwaltungsbauten in der City Nord planten, im Vorfeld verpflichtet hatten, fand in den frühen 1960er Jahren statt. Auch eine großzügige Begrünung der Freiflächen war von vornherein vorgesehen. Es entstanden hier qualitativ hochwertige und für die Büroarchitektur der 1960er Jahre vorbildliche Bauten wie die von Arne Jacobsen ab 1966 errichtete Hauptverwaltung der damaligen Hamburgischen Electricitäts-Werke (heute Vattenfall Europe AG) am Überseering oder das nach dem Vorbild eines Benzolringes aus Sechsecken entwickelte Verwaltungsgebäude der British Petrol (BP), welches das Kölner Büro Kraemer, Sieverts & Partner entworfen hat. Auch bei der Bürostadt Niederrad in Frankfurt beabsichtigte man von Anfang an die Anlage von ausgedehnten Grünflächen zwischen den einzelnen Bürogebäuden, entsprechend dem damals als fortschrittlich geltenden Konzept einer „Bürostadt im Grünen". Besonders hervorragend in seiner architektonischen Qualität gelten hier die Verwaltungsbauten der Firma Olivetti, die Egon Eiermann als zwei auf trichterförmigen Betonpfeilern stehende Hochhaustürme entworfen und in den Jahren 1968-72 errichtet hat.
Der Tucherpark ist als Gesamtanlage ein seltenes Beispiel für Bürosiedlungen in der Planung aus den späten 1960er Jahren. Trotz der mehrere Jahrzehnte umfassenden Bauzeit bildet der Park wegen der verbindlilchen Festlegung auf den Grundplan von Sep Ruf eine Einheit.
Sara Sottanelli
Denkmalpflegeinformationen Nr. 148 März 2011