Wunden der Erinnerung
| Straße / Hausnr. | Schellingstraße |
|---|---|
| Stadtteil | 3. Maxvorstadt – Maxvorstadt |
| Personen | Passow Beate, Weizsäcker Andreas von |
Im Rahmen des Europäischen Projekts »Wunden der Erinnerung« wurden von Beate Passow und Andreas von Weizsäcker in sieben europäischen Ländern von 1993 bis 1995 die Spuren des Zweiten Weltkrieges sichtbar zu machen.
In München befinden sich drei Gedenktafeln
- Prinzregentenstraße - Einschußloch an einer Säule am Hauses der Kunst
- Schelling-/Ecke Ludwigstraße - Einschußlöcher an der Backsteinwand im ehemaligen Salinengebäude (heute Universität)
- Arcisstr. 21 - Bronzeskulptur „Der Rossebändiger“ von Herrmann Hahn
Volltext / Weitere Informationen
Rosa Schweder
Das europäische Projekt mit dem Titel „Wunden der Erinnerung“ wurde von Beate Passow und Andreas v. Weizsäcker im Jahre 1993 begonnen und 1995 zum Abschluss gebracht. Das Ziel, das die beiden Künstler verfolgten, war, Spuren des Zweiten Weltkrieges sichtbar zu machen. Es sollte das alltägliche Grauen dargestellt werden, indem Einschussstellen, die Bombardement und Flächenbrand überstanden haben, besonders hervorgehoben werden.
Andreas v. Weizsäcker, Jahrgang 56, Studium u. a. bei Hubertus von Pilgrim und Beate Passow, von der kein Geburtsdatum, sondern nur zu erfahren ist, dass sie von 69–75 an der Akademie der Bildenden Künste in München studierte, sind anders als die 68er-Generation nicht an Schuldzuweisung interessiert. Als in München, der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“, lebende Künstler wollten sie sich dem Verdrängen und Vergessen entziehen und sich aktiv mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Sie sehen ihre Arbeit als „Historische Ikonographie der Archäologie des 20. Jahrhunderts“. Passow/v. Weizsäcker nehmen die Rolle von Chronisten ein, die noch einmal vor Augen halten wollen, dass die ganze Welt in den Krieg verwickelt war und nahezu kein europäisches Land dem überfall der Deutschen Wehrmacht entging.
Ihre Spurensuche führte sie über Deutschland (München, Berlin), Polen (Warschau), Belgien (Antwerpen, Hauset), Luxemburg (Diekirch, Echternach), Frankreich (Ammerschwier, Avignon), österreich (Wien), Holland (Rotterdam) und Tschechien (Pilsen, Prag).
In der Regel sind die großen Zerstörungen beseitigt, Gebäude wurden entweder wieder aufgebaut oder eingeebnet und einer Neubebauung zugeführt. Nach überresten, wie sie Passow/v. Weizsäcker entdecken, muss man gezielt Ausschau halten, man wird sie als Kriegszerstörung kaum wahrnehmen. Diese kaum wahrgenommenen Zerstörungen markieren die beiden Künstler in einer ebenso zurückhaltenden Art. über den Einschusslöchern bringen sie eine seriell gefertigte quadratische Verbundglasscheibe an, auf die in der jeweiligen Landessprache die Aufschrift „Wunden der Erinnerung“ geätzt ist.
Mit der Scheibe wird nichts verdeckt, nichts kaschiert – die Wunde wird quasi offen gehalten und so vor dem Verwittern, dem Verheilen, dem Vergessen bewahrt. Es sind keine Wunden, die verheilt sind, keine Narben, sondern offene Wunden, für jeden sichtbar gemacht.
Der Blick wird hier nicht auf ein Denkmal oder Mahnmal gerichtet, hinter dem auch immer der Künstler mit seiner Intention steht, dessen Ausführung man kritisieren oder bewundern kann; hier hingegen ist der Zugang transparent, direkt. Nicht die Ausführung eines Objektes steht im Mittelpunkt, sondern die Beschädigung eines Bauwerkes oder einer Skulptur wird zum Zentrum des Blickes. Somit greifen die Künstler in den Wahrnehmungsablauf des Betrachters ein. Mit dem Bildtitel wird dem Ort ein anderer Kontext gegeben. Da der Ort jedoch der gleiche bleibt, wird eine Musealisierung vermieden. Die Präsenz des Krieges und seine Folgen bleiben im alltäglichen Umfeld erhalten.
Anlässlich der vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Medienlabor München veranstalteten Ausstellung „Die Zeit“ wurden die ersten drei Installationen an folgenden Orten errichtet:
Am zum Englischen Garten weisenden Säulenportikus des Hauses der Kunst wurde die erste Glasscheibe über einem Einschussloch montiert. Hier, im ehemaligen „Haus der Deutschen Kunst“, erbaut von Hitlers bevorzugtem Architekten Paul Ludwig Troost in den Jahren 1933–37, hängen heute auch die Werke der damals verfehmten Künstler – und erfahren eine späte Genugtuung für die Ausstellung „Entartete Kunst“, die während der NS-Zeit hier stattfand.
Am alten Salinengebäude an der Schellingstraße/Ecke Ludwigstraße, das zum Gelände der Münchner Universität gehört, ist die Scheibe über einem Teil von Zerstörungen angebracht. Der Ort nimmt indirekt auch Bezug auf die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“.
Die dritte Installation in München befindet sich an der Bronzeskulptur „Der Rossebändiger“ von Herrmann Hahn (1925–1930) seitlich der Alten Pinakothek, die gleichsam den Verlust eines Ortes versinnbildlicht. Sie stand früher auf dem Gelände der TU, die völlig zerstört wurde.
Mit ihren Installationen „Wunden der Erinnerung“ haben die Künstler eine Art Selbstdenkmal geschaffen, das mit minimalistischen Mitteln zu einer Umwidmung des Objekts führt.
(Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995 fand im Haus der Kunst eine Ausstellung statt, die sämtliche Installationen des Projekts in 32 Farbfotographien von Laurenz Berges dokumentiert. Der sehr informative und schöne Katalog, der dazu erschien, ist leider vergriffen.)