Die erste herzogliche Münze. 1295
Reihe: Münchner Stadtbuch
Staffel 1 · Folge 4 · Dauer: 04:57
Schlagworte: Münze
Diese Podcast-Folge beleuchtet eine Zeit massiver wirtschaftlicher Spannungen: Die bayerischen Herzöge verschlechterten systematisch die Münzen, indem sie wertvolles Silber mit unedlen Metallen streckten. Während andere Städte wie Regensburg stabile Währungen behielten, verlor das Münchner Geld rapide an Vertrauen und Wert. Handel und Alltag wurden zunehmend erschwert.
Die Folgen waren dramatisch: Misstrauen, wirtschaftliche Verluste und soziale Spannungen nahmen zu. Anfang des Jahres 1295 entlud sich der Zorn der Bevölkerung in einem offenen Aufstand. Die Bürger zerstörten die Münzstätte am zentralen Platz der Stadt, und der herzogliche Münzmeister wurde getötet.
Doch die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Rudolf I. von Bayern bestrafte die Stadt hart mit hohen Geldbußen und ließ eine neue Münze an anderer Stelle errichten – in der Graggenau, nahe dem heutigen Platzl.
Am Ort der zerstörten Münze entstand später eine Kapelle, ehe im 17. Jahrhundert die Mariensäule errichtet wurde – ein stiller Zeuge dieser bewegten Geschichte.
Die erste herzogliche Münze. Zwölfhundert-fünfundneunzig
Bei Gründung Münchens im Jahre elfhundert-siebenundfünfzig durch Heinrich den Löwen wurde sogleich, wie wir bereits erzählten, daselbst eine herzogliche Münzstätte errichtet. Dieses Münzgebäude befand sich in der Mitte des Schrannen- oder heutigen Marienplatzes, nämlich da, wo gegenwärtig die Mariensäule steht.
Damals war im Münzwesen eine große Verwirrung in Deutschland. Zwar wurde allenthalben nach gleicher Weise gerechnet, nämlich nach Pfunden, Schillingen und Pfennigen; ein Pfund zu acht Schillingen, der Schilling zu dreißig Pfennigen. Das Pfund also, wie noch bis in die neueste Zeit der Gulden, zu zweihundertvierzig Pfennigen oder Halbbrakteaten.
Allein die Habsucht und Spekulation der Herzöge, welche einerseits kostspielige Haushaltungen und ungemessenen Aufwand führten, andererseits aber außer ihren Privatbesitzungen kein anderes Einkommen hatten, als jenes, welches ihnen, oft nur mit großen Opfern, von den Ständen und Städten bewilligt wurde, veranlasste sie, sehr häufig schlechtere Münze zu prägen.
Während Regensburg seinen guten alten Münzfuß fortwährend handhabte und daher die Regensburger Pfennige in gutem Rufe standen, kauften die Herzöge das gute alte abgenutzte Geld auf und setzten es mit Kupferzusatz und neugeprägt, also verschlechtert, wieder in Umlauf. Zum Beispiel: sechsunddreißig Mark alte Pfennige — die Mark zu zehn Schillingen — kaufte man um vierzehneinhalb Pfund neue Pfennige. Aus diesen, auf einen Tiegel gesetzt, prägte man dreißig Mark neue Pfennige, die man — die Mark zu elf Schillingen weniger zehn Pfennige, oder die dreißig Mark zu dreihundertzwanzig Schillingen gesteigert — gleich vierzig Pfund Pfennige schätzte.
Es gewann also der Herzog an jedem Tiegel fünfeinhalb Pfund Pfennige. Dieses Handwerk, das alte Geld mit Gewinn einzukaufen und immer dafür ein neues schlechteres in Umlauf zu setzen, musste notwendig die herzogliche Münze sehr sinken lassen. Daher kam es denn auch, dass um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts die Münchener Pfennige um die Hälfte weniger galten als die Regensburger sogenannten „langen Pfennige“; so dass zum Beispiel im Jahre zwölfhundert-dreiundfünfzig einhundertfünfzig Münchener Pfennige nur sechzig Regensburger Pfennigen gleichkamen.
Die notwendige Folge davon waren große Hindernisse und Verluste in Handel und Wandel und im gemeinen Verkehre. Darüber entstand natürlich große Erbitterung im Volke, und zwar umso mehr, als dieser Aufkauf der älteren feinhaltigen Münzsorten hauptsächlich durch die Juden geschah, welche sich, ungeachtet der erst vor zehn Jahren, im Jahre zwölfhundert-fünfundachtzig erlittenen Verfolgung, wieder zahlreich in München angesiedelt hatten.
Infolge dessen entstand im Anfange des Jahres zwölfhundert-fünfundneunzig ein Aufruhr der Bürger; die herzogliche Münze wurde durch das Volk zerstört und der herzogliche Münzmeister, namens Smichen, ermordet.
Herzog Rudolf strafte deshalb strenge die Stadt, indem er durch Urkunde vom Sonntag vor Fastnacht — dem sechsten Februar — zwölfhundert-fünfundneunzig Rat und Gemeinde zur Besserung der Untat verurteilte. In der Urkunde hieß es, indem sie die am Hauptplatze gelegene „Münzschmiede niederbrachen und Uns nicht achteten an Smichen, unsern Diener“, wurden sie in die Bezahlung von fünfhundert Pfund Pfennigen binnen vierzehn Tagen behufs Erbauung einer neuen Münze verurteilt. Nach unserem heutigen Gelde entsprach das Pfund Pfennige etwa zwölf und vier Neuntel Gulden süddeutscher Währung, also circa sechstausendvierhundert-fünfzig Gulden. Es wurde der Beisatz hinzugefügt, dass sie sich an den Tätern schadlos halten können.
Diese neue Münze wurde hierauf von dem Herzoge in der Graggenau gebaut; es ist jenes Gebäude am sogenannten Platzl, in welchem sich heutzutage der Bockkeller befindet. In diesem Gebäude blieb die Münze bis zu Anfang dieses Jahrhunderts, wo sie erst in das gegenwärtige Münzgebäude verlegt wurde.
An der Stelle der zwölfhundert-fünfundneunzig zerstörten Münze erbaute Ritter Ainwig der Gollir eine dieser Familie gehörige Kapelle zu Ehren Aller Heiligen, welche die Gollirkapelle hieß. Diese Kapelle wurde nach Aussterben dieser Familie beiläufig im Jahre vierzehnhundert-fünfundachtzig wegen Baufälligkeit abgebrochen, und die Gilten derselben fielen der gegenwärtigen kleinen Kreuzkirche zu, welche in den Jahren vierzehnhundert-achtzig bis vierzehnhundert-fünfundachtzig erbaut wurde.
Der Platz, auf welchem diese Kapelle gestanden hatte, wurde eingeebnet und endlich im Jahre sechzehnhundert-achtunddreißig von Kurfürst Maximilian dem Ersten zum Andenken an die Schlacht am Weißen Berge die gegenwärtige Mariensäule errichtet.