Vom alten Friedhof „am Kreuz“ und dem südlichen Friedhof
Reihe: So lang der alte Peter...
Staffel 2 · Folge 42 · Dauer: 08:11
Schlagworte: Alter Südfriedhof, Gottesacker
Vom alten Friedhof „am Kreuz“ und dem südlichen Friedhof Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts war es so weit, daß die Totenäcker bei den Hauptkirchen für die wachsende Einwohnerzahl nicht mehr genügten. Da hielten die Stadtväter Umschau nach geeigneten neuen Plätzen und wählten für die Pfarrei zu Unserer Lieben Frau einen Platz „in der Kuh" — der heutige Salvatorplatz — für die St. Peterspfarrei aber einen am Sendlingertor, wo mehrere Straßen sich kreuzten; deshalb hieß die Stelle „auf dem Kreuz" oder „am oberen Kreuze" im Gegensatz zu dem „unteren Kreuz", dem früheren Parade-, jetzt Promenadeplatz. Vierzehnhundertachtundsiebzig erwarb der Magistrat ein Grundstück von der Schmalz- jetzt Kreuzgasse bis zur Brunnstraße, die ihren Namen davon haben soll, daß hier in frühester Zeit, da ringsum Weideland war, ein Brunnen stand, an dem die Hirten ihre Herden tränkten. Durch Hinzukauf noch weiteren Bodens ward der neue St. Peters-Gottesacker eine ziemlich geräumige Begräbnisstätte; vierzehnhundertachtzig begann der Bau einer Gottesackerkirche „auf dem Kreuz", und zwar leiteten ihn die Werkmeister der Frauenkirche, Jörg von Haslbach und Heimeran von Straubing. Durch Vergleich mit den Erben Ainwich des Golliers, des kinderlos verstorbenen Ritters, der das Allerheiligen-Kirchlein auf dem Marktplatz erbaut hatte, ward diese ohnehin baufällige Kapelle abgebrochen, und das Golliersche Benefizium kam in die neue Allerheiligenkirche auf dem Kreuz. Als solche ward sie vierzehnhundertfünfundachtzig konsecriert. Anfänglich richtete ein heftiger Widerstand der Einwohner sich gegen die neuen Freithöfe. Den Einen fiel es hart, daß sie nicht an der Seite ihrer vorausgegangenen Lieben ruhen dürften; andere, die weltlicher und selbstbewußter geartet waren, dünkten sich herabgesetzt, fremden Landfahrern und hablosen Leuten gleichgestellt, weil sie auf den abgelegeneren Friedhof gebettet werden sollten. Die Geistlichkeit hatte ihre Not, die Pfarrkinder zu einer richtigen Auffassung der Dinge zu bringen; der Stadtrat von München erwirkte, um die neue Maßregel dem Volke annehmlicher zu machen, im Februar vierzehnhundertachtzig eine päpstliche Bulle, worin Alle, welche die neuen Freithöfe Münchens besuchen würden, mit besonderen Ablässen begnadigt wurden. Noch in demselben Jahre ergingen von Seiten des heiligen Stuhles formelle Verbote, auf den alten Freithöfen fernerhin zu begraben. Damit war der Widerstand der Münchener gebrochen. Ein harter und grausiger Mißbrauch, dessen I. M. Forster erwähnt: daß ein Toter, der unbezahlte Schulden hinterließ, in alter Zeit nicht ehrlich begraben werden durfte, war seit fünfzehnhundertneunundzwanzig abgeschafft. Denn damals hatte der Gegenpapst Nikolaus der Fünfte, der in der Reihe der rechtmäßigen Päpste nicht aufgeführt ist, aus Pisa, die Verfügung erlassen, daß Jedermann, auch der Ärmste, geistlich begraben werden müßte. Im Jahre, da der Bau der neuen Freithofskirche begann, stiftete und erbaute der Rat von München das Stadtbruderhaus für kranke und bresthafte Bürger, das neben die „Allerheiligenkirche auf dem Kreuz" zu stehen kam. Die Seelsorge für die Insassen des Bruderhauses lag dem Kaplan der Allerheiligenkirche ob, so lange bis das Spital, über hundert Jahre später, eine eigene Kapelle erhielt. Jene ersterwähnten päpstlichen Bullen verordneten noch ausdrücklich, daß zu Pestzeiten die Gestorbenen nur auf den neuen Friedhöfen und nirgends sonst bestattet werden dürften. Allzubald trat der Fall ein: als die Epidemie des Jahres fünfzehnhundertsechs das Totenfeld rasch mit Grabstätten füllte. Wohl schon damals bestand, südwestlich der Stadtmauer, ein Freithof für Arme, Aussätzige und unbekannte Tote, der von seiner Lage den Namen „der fertere", der äußere, hatte. Auf diesem, nur dürftig eingezäunten Leichenacker erbaute Herzog Albrecht der Fünfte fünfzehnhundertachtundsiebzig ein Salvatorkirchlein. Als auch die neuen Friedhöfe nicht mehr genügten, ward der „fertere Freithof" der allgemeinen Benützung übergeben; dazumal schon wurde eine neue Kirche, zu Ehren des Erzmärtyrers Stephan, an Stelle des baufällig gewordenen Salvatorkirchleins erbaut. Eine magistratliche Verordnung vom Jahre siebzehnhundertneunundachtzig hob sämtliche Friedhöfe im Innern der Stadt auf und verordnete die Überführung aller Leichen auf den am vierzehnten April desselben Jahres benedizierten Gottesacker vor dem Sendlingertor. Aus dem Freithof am Kreuz wurden fünf große Wägen mit Gebeinen hinausgefahren, auch die wertvollsten Denkmäler aus der Umgebung der Allerheiligen-Kirche hinausversetzt. Diese Kirche kam dadurch in Vernachlässigung und Vergessenheit: bei dem zweimaligen Einfall der Franzosen siebzehnhundertsechsundneunzig und achtzehnhundert, ward sie gesperrt, ja beim erstenmal ward sie ihres sakralen Charakters völlig entkleidet und diente als Brot- und Kornmagazin. Von achtzehnhundertvier bis achtzehnhundertvierzehn stand sie entweiht und verödet, bis die Umwohner sich ihrer annahmen und die Erlaubnis zu ihrer Wiederherstellung erlangten. Unter den Spenden, die ihr zuflossen, befand sich auch ein holzgeschnitztes Kruzifix mit der schmerzhaften Mutter darunter; hievon weiß die Sage zu melden, daß der gleiche Künstler, Tobias Bader, von dem die wunderreiche Muttergottes der Herzogspitalkirche stammt, aus dem gleichen Lindenbaum wie diese auch jenes andere, nun in der Kreuzkirche aufbewahrte Kreuz- und Marienbild geschnitzt habe. Daher wird die Muttergottes der Kreuzkirche „die Schwester von der Herzogspital-Muttergottes" genannt. Der Friedhof vor dem Sendlingertor ist von da an bis achtzehnhundertachtundsechzig der einzige Gottesacker Münchens gewesen. Noch leidlich unverändert ist, gleich am westlichen Eingang des alten Friedhofteiles, die sechzehnhundertvierundvierzig erbaute kleine Stefanskirche. Sie war vordem der Mittelpunkt einer alten Münchener Sitte. Am Tage des Erzmärtyrers Stephan, dem sechsundzwanzigsten Dezember, wurden sowohl die feinen Vollblutpferde wie die derben Arbeitsgäule von ihren Besitzern um die Kirche herumgeritten, damit sie während des Jahres vor Krankheiten bewahrt blieben und ihnen die Steine an den Hufen nicht schadeten. An der Mauer des Stephanskirchleins grüßt die Besucher der Name eines den Münchnern durch seine Werke Wohlbekannten. Denn dort befindet sich der Grabstein des Hofbildhauers Roman Anton Boos. Freilich: je tiefer es in das Totenfeld hineingeht, desto größer wird die Zahl Derer, die ein unsterbliches Gedenken in München hinterlassen haben. Die meisten Schöpfer des geistigen und baulichen München aus der Zeit seiner ersten Könige ruhen hier, zumal in den steinernen Arkaden des Campo santo, dessen Erbauer Friedrich von Gärtner selbst darin begraben liegt. Aber nicht nur stolze und erhebende Erinnerungen bewahrt der Friedhof. Er birgt auch die zwei Massengräber der „in der großen Sterb" des Jahres sechzehnhundertvierundfünfzig Hingerafften, zusammen etwa zwölfhundert. Desgleichen ist hier die Grabstätte der bei achthundert Burger und Bauersleut, so um Sendlingen und die Stadt München den fünfundzwanzigsten Dezember siebzehnhundertfünf von den kaiserlichen Troppen sind niedergemacht worden. Im Jahre achtzehnhunderteinundfünfzig wurden ihre Reste unter dem bisherigen schmucklosen Hügel erhoben und an die Stelle übertragen, die nun das von Gärtner entworfene Denkmal in Form eines Weihwasserbeckens ziert. Um dem Denkmal Platz zu machen, ward die baufällige Kapelle der Lateinischen Kongregation abgebrochen.