Marienplatz - Die Mariensäule
Reihe: So lang der alte Peter...
Staffel 2 · Folge 20 · Dauer: 07:09
Schlagworte: Mariensäule
Podcast-Skript: Die Mariensäule am Marienplatz (Stimme: Marcus oder Anthony. Stability: 65%, Clarity: 80%) Die Mariensäule zu beschreiben tut nicht not. Den Einheimischen ist sie das vertrauteste Bild; unter den Fremden ist wohl keiner, der sie nicht gesehen und im Gedächtnis behalten hat. Wie ehemals die äußerlich überragende Zierde des Platzes, ist sie jetzt noch seine innerliche Bekrönung, Wahrzeichen und Schutzmal der Münchner Stadt. Wenn ein blauer sonniger Himmel über dem Platze lacht, so scheint die schlanke Säule mit dem himmlischen Frauenbild hineinzutauchen in den Ätherglanz; wenn die Dächer der nahen Häuser weiß sind vom glitzernden Schnee oder vom Mondenlicht, so webt ein silberner Flimmer um das Haupt der bronzenen Madonnenfigur. Zu allen Festen wird der Sockel der Säule mit Blumen geschmückt; am Vorabend der Feiertage werden die Laternen an den vier Ecken der roten Marmorbalustrade angezündet und glimmen mild durch die Nacht. Die Mariensäule ist nie allein, auch wenn der Verkehr auf dem Platze verebbt. Bilder vergangenen Geschehens umgeben sie. Das war am achten November des Jahres 1638. Da wurde die Säule aufgerichtet „zur schuldigen Dankbarkeit und ewigen Gedächtnis der Erhaltung der Hauptstädte München und Landshut" im Schwedenkrieg. Durch den Bischof von München-Freising ward sie feierlich geweiht und darauf das Marienbildnis gestellt. Inmitten einer Menschenmenge von Würdenträgern, Geistlichen, Ratsherren und Bürgern kniete der Kurfürst Max I. nieder und sprach laut folgende Worte: „Gott dem Allerhöchsten und Allgütigsten, der Jungfrau und Gottesgebärerin, der mildreichsten Frau und mächtigsten Beschützerin Bayerns, setzt dieses immerwährende Denkmal für die Nachkommen, wegen der Erhaltung des Bayerlandes, der Städte, Heere, seinerselbst, seines Hauses, seiner Hoffnungen, dankbar und bittend ihr mindester Pflegesohn Maximilian." Sodann weihte er sich und alles Seinige der hl. Jungfrau mit den Worten: „Erhalte, o heilige Jungfrau, als Patronin deinen Bayern ihre Habe, ihre Verfassung, ihr Land und ihre Religion." Darnach, tief ergriffen, erhob sich der Kurfürst und begab sich im feierlichen Zuge zum Hochamt in die Frauenkirche. Aber noch war die Drangsal des Krieges nicht vorbei, noch minder seine furchtbaren Folgen. Haufen verhärmten hohläugigen Volkes umdrängten oft genug die Mariensäule, flüchteten mit ihrem Elend zu der „liebreichen Hertzogin in Bayern“. Flehende und unwirsche Blicke streiften zuweilen die kämpfenden Engelsgestalten am Sockel: „Wann werdet ihr fertig sein mit dem Hunger? Wann habt ihr sie überwunden, die Pest?" Wenn sie immer wieder aufflackert, die Pest, wenn immer wieder der Totenkarren durch die Straßen poltert, wie dann die verkrampften Hände und verzweifelten Gesichter sich hinaufrecken zum Marienbildnis: „Hilf uns, Himmelsmutter! Maria bitt' für uns!" Die Zeit verrinnt. Wieder kniet ein Kurfürst zu Füßen der Säule: Max II. Emanuel. Nicht so ernst wie sein Ahn: jung, ehrgeizig, ein geborener Kriegsfürst. Um Sieg kommt er zu bitten, da er gegen den Türken zu Felde zieht, den Erbfeind der Christenheit. Der Sieg, von dem er träumt, wird Wahrheit werden, aber wahr wird dereinst auch ein Anderes. In mehr als zwanzig Jahren, während Kriegselend seine Hauptstadt umbrandet und er selbst als Vertriebener in der Ferne weilt, werden jammernde Frauen und sorgenvolle Männer zum Bilde der Gottesmutter wallen, seine eigene Gattin voran. Und zuvor wird noch ein Blutgerüst zu Füßen der gnadenreichen heiligen Jungfrau stehen, und die Männer, die ihr Blut hingeben müssen, um der Treue an ihrem Herrscher willen, werden mit dem letzten Lebenshauche sich der Fürbitte der Schutzherrin Bayerns empfehlen, ehe der Henker ausholt. Ein Menschenalter schwindet. Ein müder Mann naht schwankenden Schrittes der Säule, beugt sein Knie vor ihr: Karl Albrecht, Max Emanuels Sohn, den das Schicksal grausam umgetrieben hat. Die Kaiserkrone des heiligen römischen Reiches deutscher Nation schmückte ihn, und mit Hiob, dem Mann der Schmerzen, verglich er sich. Während nun die Stände seines Erblandes ihn willkommen heißen, sucht sein umflorter Blick die barmherzigen Augen des Bildes und bittet um eine friedliche Schlummerstatt in heimischer Erde. Wieder drängt und wogt es auf dem Platz. Vor dem Landschaftshause ist eine Art Altan errichtet. Ein ehrwürdiger Mann im weißen seidenen Priestergewand steht oben: segnend hebt er die Rechte über der tausendköpfigen Menge, die sich vor ihm zur Erde neigt. Es ist der sechste Pius, der Nachfolger Petri, der die Münchner Stadt besucht, und um dessen Segen das Volk herbeigeeilt ist. Das festliche Bild erbleicht. In trübem, nebligem Wetter kauert auf den Stufen am Unterbau der Säule ein armes Weib. Das ist die „Beterin an der Mariensäule"; alle Welt kennt sie. Früher war sie eine glückliche Frau. Der Kaiser der Franzosen nahm die bayerischen Soldaten mit in den Krieg nach Rußland; da mußte der Mann der Beterin mit als Offizier. Ihr Bübchen hatte sie an der Mariensäule zurückgelassen, ihm eingeschärft, zu warten. Aber im Gedränge ward sie zu Boden gerissen; das Rad eines schweren Geschützes ging über sie hinweg. Als sie nach Wochen entlassen war, fand sie ihr Kind nirgend mehr. Sie sah ihren Knaben nicht wieder, so wenig wie ihren Mann, der aus Rußland nicht zurückkehrte. Darüber verfiel die Ärmste in stillen Wahn; Gebete murmelnd hockte sie Tag für Tag an der Mariensäule. In stetem Wechsel ziehen leidvolle und freudige Bilder vorbei. Aber noch eins tritt mächtig hervor: eine schier endlose Prozession, über zehntausend Menschen, viele mit Kerzen in der Hand. Dankgesänge steigen zum Bilde der Himmelsmutter empor für das Erlöschen der Cholera, die in München durch Monate gewütet hat. Zehn Tage nach dieser Prozession, am 13. Oktober 1854, genehmigte der König den Wunsch der Bürgerschaft zur Umänderung des Namens „Schrannen-" in „Marienplatz". Das Leben geht weiter zu Füßen der Mariensäule, bunt und wild, kraus und verworren. Aber die vier bewehrten Engelchen an den Ecken des Unterbaues schwingen unverdrossen Schwert und Schild, als wollten sie die Menschen mahnen, ebenso tapfer zu kämpfen. Und hoch von der Säule herab lächelt stets der gleiche verheißende Mutterblick, und das Kind breitet über Freud und Leid, Gerechte und Ungerechte segnend seine Händchen aus.