Der Brand des Münchner Hoftheaters
Reihe: Stadtgeschichte München
Staffel 8 · Folge 1 · Dauer: 19:13
Schlagworte: Hoftheater, Oper
Der Brand des Münchner Hoftheaters
Am 14. Januar 1823 brannte das erst wenige Jahre zuvor eröffnete Münchner Hof- und Nationaltheater am Max-Joseph-Platz. Das von Karl von Fischer entworfene Theater war am 12. Oktober 1818 eröffnet worden und galt als eines der bedeutendsten Bauwerke Münchens.
Während einer gut besuchten Abendvorstellung brach auf der Bühne Feuer aus. Auf dem Programm standen zunächst die komische Oper Die beyden Füchse von Étienne-Nicolas Méhul und anschließend das Ballett Die Wildschützen. Das Ballett konnte nicht mehr aufgeführt werden. Hinter der Bühne wurde plötzlich Rauch bemerkt, kurz darauf stand der Bühnenbereich in Flammen.
Das Feuer breitete sich sehr schnell auf die hölzernen Bühnenkonstruktionen, Dekorationen und das Dach aus. Obwohl das Theater über zahlreiche Treppen und Ausgänge verfügte und die Zuschauer das Gebäude ohne größere Panik verlassen konnten, war eine Rettung des Hauses nicht mehr möglich. Die Löscharbeiten wurden durch die winterliche Kälte erheblich erschwert, da Wasserleitungen, Bäche und Löschteiche gefroren waren. Schließlich wurde auch warmes Wasser aus dem nahegelegenen Hofbräuhaus eingesetzt.
Feuerwehr, Militär, Hofbedienstete, Handwerker und Bürger kämpften gegen die Flammen. Besonders wichtig war die Sicherung der benachbarten Residenz. Unter der Koordination von Leo von Klenze konnte verhindert werden, dass das Feuer auf die angrenzenden Gebäude übergriff.
Das Theater brannte bis auf die Grundmauern nieder. Bereits kurz darauf begann die Planung des Wiederaufbaus. Unter Leo von Klenze wurde das Gebäude weitgehend nach Fischers Entwürfen wiederhergestellt und am 2. Januar 1825 erneut eröffnet.
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In diesem Beitrag geht es um den verheerenden Brand des königlich-baierischen Hof- und Nationaltheaters am 14. Januar 1823.
Der damalige Baurat Anton Baumgartner schilderte den Brand, die Rettung des Publikums und die Maßnahmen zum Schutz der umliegenden Gebäude.
Hören Sie nun seine historische Beschreibung dieses dramatischen Ereignisses.
Prolog: Der Stolz der Residenzstadt
Es ist der 12. Oktober 1818. Auf dem Max-Joseph-Platz in München strahlt ein neues, architektonisches Juwel im herbstlichen Sonnenlicht: das Königliche Hof- und Nationaltheater. Die Eröffnung an diesem Tag – dem Namensfeste des bayerischen Königs Maximilian I. Joseph – markiert den vorläufigen Höhepunkt einer langen Planungs- und Baugeschichte. Entworfen wurde das monumentale Gebäude von Karl von Fischer, Professor an der Akademie der bildenden Künste, dessen Pläne bereits im Mai 1811 durch ein königliches Reskript genehmigt worden waren. Im selben Jahr, am 12. Oktober, hatte der Kronprinz Ludwig feierlich den Grundstein gelegt.
Nach sieben Jahren voller Mühen, Verzögerungen und technischer Herausforderungen stand nun ein Theater da, das nicht nur durch seine prachtvolle Ausstattung, sondern vor allem durch seine klassizistische Eleganz Maßstäbe setzte. Mit seinen korinthischen Säulen, die der Ewigkeit zu trotzen schienen, war es der Stolz der Einheimischen und ein Anziehungspunkt für Fremde. Für die Münchner Bürger war es jedoch weit mehr als nur ein Ort der Unterhaltung. Es war der symbolische Mittelpunkt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens, ein Ort, an dem man den Monarchin als liebevollen Familienvater in der Mitte seiner Untertanen erleben konnte.
Keiner der Festgäste, die an jenem goldenen Oktobertag durch das prunkvolle Portal schritten, hätte auch nur zu ahnen gewagt, dass dieses Meisterwerk der Baukunst keine fünf Jahre Bestand haben würde. Niemand dachte an jenen feinen, unbarmherzigen Fehler, der im Verborgenen lag – an eine Konstruktion ohne durchgehende Brandmauer zwischen dem gewaltigen Bühnenhaus und dem Logenbau, bedacht allein mit einer hölzernen Wasser-Reserve auf dem obersten Kehlgebälk.
Kapitel 1: Die Tage vor dem Untergang
Der Januar des Jahres 1823 zeigt sich von seiner frostigen, unerbittlichen Seite. München ist erfüllt vom bunten Treiben der Dultzeit. Fremde und Händler sind in die Stadt geströmt, und das Hoftheater bietet an jedem Abend voll besetzte Ränge und eine ausgelassene, erwartungsvolle Atmosphäre.
Erst wenige Tage zuvor hat das Publikum den Atem angehalten bei den schaurig-schönen Klängen von Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“. Die dazugehörigen, aufwendigen Dekorationen und magischen Kulissen konnten in der Kürze der Zeit noch gar nicht vollständig aus dem Bühnenhaus entfernt werden. Denn der Spielplan duldet keinen Stillstand. Schon steht der nächste große Abend bevor: Am 14. Januar soll die komische Oper „Die beyden Füchse“ aufgeführt werden, direkt gefolgt von dem pantomimischen Ballett „Die Wildschützen“ aus der Feder von Horschelt.
Es ist ein Abend wie jeder andere im glanzvollen Vormärz. Das Haus füllt sich rasch. In den prächtigen Rängen sitzen Bürger, Adlige und Offiziere, während in der königlichen Loge Seiner Königlichen Hoheit der Prinz Karl Platz genommen hat, um der Aufführung beizuwohnen. Die Luft im Saal ist warm, geschürt durch die unermüdlichen Öfen und Heizungsanlagen des Hauses, die das gesamte Gebäude von innen heraus austrocknen. Die hölzernen Maschinerien, die Dielen und die unzähligen hängenden Soffiten und Vorhänge warten im Halbdunkel des Schnürbodens wie trockenes Zunder auf ihren Einsatz. Niemand ahnt, dass die Kulissen für die Szene, in der Rittmeister Kleefeld als Ritter Baynard erscheinen wird, den Keim der Zerstörung in sich tragen.
Kapitel 2: Der Funken im Verborgenen
Es geschieht während der Vorbereitungen zu jener Schicksalsszene. Durch eine bis heute nicht restlos aufgeklärte Verkettung von Umständen verlängert sich das winzige, in einem Glaszylinder eingeschlossene Flämmchen einer Theaterlampe. Nur wenige Zentimeter darüber hängt ein kleiner, unscheinbarer Strick, der herabragt.
Das Flämmchen greift nach diesem Strick. In einer unvorstellbaren, atemberaubenden Schnelligkeit wandert die Glut den Faden hinauf und springt im nächsten Augenblick auf einen der großen bemalten Schleier über – jenen leichten Stoff, der das nächtliche Gespenstergebilde des „Freischützen“ tragen sollte.
In diesem Bruchteil einer Sekunde entscheidet sich das Schicksal des Hauses. Nach späterem Bekunden hätte es eines einzigen gezielten Wasserstrahls bedurft, um das gierige Flämmchen im Keim zu ersticken. Doch hier bewahrheitet sich die alte, bittere Wahrheit: Das Notwendigste ist im Augenblick der höchsten Gefahr stets am weitesten entfernt.
Der Vorhang steht sofort in hellen Flammen. Es gibt kein Halten mehr. Die Flammen gierig greifen nach den benachbarten Soffiten, nach den kunstvoll bemalten Vorhängen und vor allem nach den hölzernen Maschinen-Gallerien, die das Bühnenhaus in luftiger Höhe durchziehen. Da diese Galeriekonstruktionen von allen Seiten offen und durch die wochenlangen, intensiven Heizanlagen völlig ausgetrocknet sind, wirken sie wie ein offener Kamin.
Hinzu kommt die Physik des großen Raumes: Durch die geöffneten Türen des Parketts und der Ränge strömt kalte Luft in den Saal, erzeugt ein mächtiges Gebläse, das die Flammen mit gewaltigem Fauchen wie einen Drachen nach oben treibt. Eine glühende, unsichtbare Luftströmung schießt in den Himmel des Bühnenhauses. Binnen weniger Minuten gerät das gesamte Dach des Bühnen-Gebäudes in Brand. Und von dort aus ist es nur noch ein kurzer, grausamer Weg bis zum Dach des Logen-Gebäudes.
Kapitel 3: Panik im Zuschauerraum und das Eingreifen der Besonnenen
Ein dumpfer, unheilvoller Lärm bricht aus dem Innern der Bühne hervor. Ein Knacken von brechendem Holz, das Fauchen des Feuers und das Rufen der ersten Arbeiter durchdringen den Vorhang. Im Zuschauerraum breitet sich augenblicklich das Schreckensgefühl aus. Die Menschen wissen: Das Unfassbare geschieht. Sie sind in Gefahr.
Doch hier zeigt sich der Segen eines geordneten Geistes und einer klugen architektonischen Anlage. Zwar bricht im ersten Moment die Betäubung über die Menge herein, doch in der königlichen Loge hält Prinz Karl mit bewundernswerter, eiserner Ruhe aus. Er verlässt seinen Platz nicht in blinder Hast, sondern strahlt eine gefasste Besonnenheit aus, die auf die umstehenden Zuschauer wie ein Anker wirkt.
Zudem bewährt sich nun die weitsichtige Planung des Architekten Karl von Fischer: Das Gebäude verfügt über zahlreiche, wohlverteilte Ausgänge. Anstatt in panischer Gier auf den Treppen und an den Portalen ein menschenmordendes Gedränge zu veranstalten, wartet das Publikum zunächst auf die erlösende Nachricht von jener ominösen Wasser-Reserve, die der berühmte Ingenieur Joseph von Reichenbach gemeinsam mit dem Hofbrunnenmeister Maier auf dem obersten Kehlgebälk eingerichtet hat. Sie sollte im Ernstfall die gesamte Bühne mit einem einzigen Handgriff unter Wasser setzen.
Doch als die Minuten verstreichen und die erhoffte Flut ausbleibt – weil die Hitze den Zugang bereits unmöglich gemacht hat –, erkennen die Besucher, dass kein Zögern mehr erlaubt ist. Geordnet, diszipliniert und mit jener bewundernswerten Fassung, die den Münchnern schon in den schwersten Kriegsstalgen und Naturkatastrophen eigen war, strömen die Menschen durch die vielen Türen ins Freie. Kein Menschenleben geht im Zuschauerraum verloren. Während draußen die Nacht zum Tag wird, ist das Publikum gerettet. Doch drinnen beginnt der titanische Kampf gegen das Element.
Kapitel 4: Die Nacht wird zum Tag – Alarm in der Residenzstadt
Draußen auf dem Max-Joseph-Platz bricht der Himmel auf. Die Helligkeit, die aus den gewaltigen Fenstern des neuen Theaters zum Firmament emporströmt, lässt jeden Bürger im Umkreis von Meilen glauben, sein eigenes Haus stehe in Flammen.
Um kurz nach acht Uhr ertönen die schweren Bronzeglocken. Von den Tümern der Unser lieben Frauen Metropolitan- und St. Peters-Pfarrkirche schlägt der Alarm über die Dächer der Altstadt. Gleichzeitig wirbeln die Tambours der königlichen Militärregimenter, die just um diese Stunde ihre Reträte schlagen sollten, den Feueralarm durch alle Gassen und Straßen.
Aus dem Hof- und Stadtfeuerhause, aus den Vorstädten und schließlich mit rasender Eile auch aus dem fernen Dachau brechen die Löschzüge und Piquete auf. Der Max-Joseph-Platz, die angrenzende Münze, der Marstall-Platz und die verschlungenen Wege durch den Küchen- und Brunnenhof der Königlichen Residenz verwandeln sich im Nu in ein einziges, tobendes Heerlager. Im grellen, blutroten Licht der riesigen Brandfackel stehen Menschen aller Stände Schulter an Schulter.
Im Schwarzen Saal, unfern des brennenden Höllenschlunds, schlägt die zentrale Einsatzleitung ihr Hauptquartier auf. Hier versammeln sich die Männer, deren Entscheidungen über Sein oder Nichtsein der Residenzstadt bestimmen: Stadtkommandant Generalmajor Baron von Ströhl, Polizeioberstkommissär Rienecker, Ministerialrat von Plank, Finanzminister Baron von Lerchenfeld und der königliche Hofbau-Intendant Leo von Klenze. Von diesem zentrumsnahen Ort aus ergehen die Befehle, die den unkoordinierten Schrecken in geordnete Bahnen lenken sollen.
Kapitel 5: Die Rettung der Bestände und die Verteidigung der Mauern
Während das neue Hoftheater selbst angesichts der unvorstellbaren Brandlast bereits als verloren gilt, blicken die Verantwortlichen mit blankem Entsetzen auf die umliegenden Schatzkammern, Archive und Regierungsgebäude. Wenn das Feuer auf die Residenz, auf die Steuerkasse, das topographische Bureau oder gar auf das Archiv-Conservatorium übergreift, steht ganz Bayern vor dem Verlust seiner gedanklichen und administrativen Identität.
Unverzüglich formieren sich wackere Trupps zur Evakuierung. Der königliche Operndirektor Lochtermann, die Theaterkassiere Bombard, Diter und Schwaiger sowie der Buchhalter Friedrich Reichenbach stürzen in das bedrohte Gebäude, um unter Lebensgefahr die Theaterkasse, unersetzliche Musikalien und die historische Bibliothek in Sicherheit zu bringen. Unterstützt von Theater-Offizianten, Zimmerleuten und Arbeitern wie Galleri, Dax, Ammann und Thrainer schleppen sie Kisten, Notenblätter und Dokumente ins Freie, wo sie eilig von bewaffneten Posten der Landwehr umringt und bewacht werden.
Gleichzeitig brennt im Süden des Theaters das hölzerne Reserve-Magazin, vollgestopft mit wertvollen Dekorationen. Unter der furchtlosen Leitung des Veteranen der Hofschauspieler, Herrn Reinhard, und unterstützt von Offizieren der Garde und des Genie-Corps, wird dieses Magazin in einer halsbrecherischen Aktion leergeräumt. Der Platz vor der Residenz füllt sich derart mit geretteten Kulissen, Möbeln und Gerätschaften, dass man sich wie in einem zerstreuten Kriegslager oder inmitten der Ruinen des antiken Palmyra vorkommt.
Auf den Dächern des alten Hoftheaters und der umliegenden Verbindungsgänge spielt sich indes das dramatischste Kapitel dieser Nacht ab. Der Hofbau-Intendant von Klenze hat den Auftrag an vertraute Männer vergeben, das alte Theater um jeden Preis als Bollwerk gegen das Feuer zu halten.
Kapitel 6: Der Kampf auf den Dächern und die Kälte des Wassers
Um überhaupt auf das Dach zu gelangen, müssen eiserne Türen der steinernen Wendeltreppe mit roher Gewalt gesprengt werden. Oben angekommen, stehen die Männer in einem wahren Regen aus Funken, brennenden Balkenfragmenten und glühender Asche. Mit Händen, Schnee und Schaufeln treten sie die herabfallenden Feuertheile aus, löschen die brennenden Dachfenster-Rahmen und stemmen sich gegen die Flammenzungen, die vom benachbarten Kassier-Flügel herüberschlagen.
Ein entscheidendes logistisches Problem bildet die Wasserversorgung. Dank der vom bürgerlichen Glockengießer Nikolaus Regnault gefertigten städtischen Wasserzubringer, die in ununterbrochenem Rhythmus zwischen den Löschplätzen pendeln, und dank des unermüdlichen Einsatzes des jungen Franz Paul Maier – dem Sohn des Hofbrunnenmeisters, der am Residenz-Brunnhaus Schläuche an schraubt, um Wasserfässer im Eiltempo zu füllen –, reißt der Wasserstrahl niemals ganz ab. Das Hofbräuhaus und sämtliche bürgerlichen Brauer liefern fortwährend warmes Wasser heran, das in die Maschinen gepumpt wird.
Doch der Preis ist hoch. Mehrere Männer geraten in tödliche Gefahr. Der Brunnenwärter Nägerle und der Feuerwächter Dietl müssen sich auf einer Leiter in letzter Sekunde durch einen waghalsigen Sprung retten, als die Flammen sie einschließen; Nägerle stürzt daraufhin blutüberströmt zusammen. Graf von St. Simon wird von einer Löschleiter herabgeworfen und schwer verletzt. Der Zimmermann Georg Schlesinger aus der Au erleidet einen heftigen Rippenbruch. Und dennoch weicht niemand von seinem Posten.
Kapitel 7: Der eiserne Vorhang und die Architektur der Zukunft
Während in den frühen Morgenstunden des 15. und 16. Januar die unmittelbare Gefahr für die Residenz durch das Errichten von massiven Barrieren, das Zupacken von Dünger in Türspalten und das konsequente Abtragen brennbarer Verbindungsstrukturen gebannt werden kann, beginnt unter den Experten ein heftiges Nachdenken über die Ursachen und die verpassten Chancen dieser Katastrophe.
Auf dem rauchenden Schuttplatz stellt sich nach dem Einsturz des Daches heraus, was die Architektur offenbart: Zwischen dem Dachgebälk des Bühnenhauses und dem Logenhaus hat es schlicht keine Brandmauer gegeben. Die gesamte Konstruktion war auf jene geplante Wasser-Reserve auf dem Kehlgebälk ausgerichtet. Doch wenn der erste magische Augenblick des Entstehens verpasst wird und die Vorhänge rasch Feuer fangen, ist diese offene Bauweise ein Todesurteil für das gesamte Gebäude.
In diesem Zusammenhang entbrennt eine leidenschaftliche Diskussion über den Nutzen eines eisernen Vorhangs. Kritiker und Experten fragen sich, ob eine solche Vorrichtung, wie sie vor Jahrzehnten im Theater Gaideau in Paris oder im Londoner Coventgarden-Theater erprobt wurde, die Katastrophe hätte verhindern können. Man rechnet das immense Gewicht eines solchen Eisenkolosses aus, die Schwierigkeiten der Mechanik, die gewaltigen Gegengewichte und die Frage, ob er im Ernstfall nicht zur tödlichen Falle für die Menschen auf der Bühne geworden wäre – so wie man es sich flüsternd aus Paris erzählt, wo ein eiserner Vorhang Menschen wie Insekten abgeschnitten und das Theater am Ende dennoch gebrannt haben soll. Man erkennt: Ohne eine bis zum Dach geführte, massive steinerne Brandmauer nützt auch die schwerste Eisentafel auf der Proscenium-Linie wenig. Karl von Fischers genialer Grundriss, der nun nackt und starr in den grauen Winterhimmel ragt, wird von den Sachverständigen im Nachhinein nicht verurteilt, sondern wegen seiner präzisen statischen Verhältnisse von Professoren wie Gärtner vor den Akademikern sogar mit dem Kolosseum in Rom verglichen.
Kapitel 8: Die Morgendämmerung und das Erwachen des Wiederaufbaus
Am Morgen des 16. Januar ist das Feuer im Wesentlichen bezwungen. Was bleibt, ist eine rauchende, gewaltige Ruine. Das kostbare Kupfer, das Messing, die Bronzen und das Eisen der Bühnenmaschinerie und des königlichen Salons sind durch die unvorstellbare Hitze des Feuers wie korinthisches Gold zusammengeschmolzen und zu formlosen Klumpen verbacken. Karrenweise werden diese Metallreste in die alte Reitschule gefahren, auf dass sie eines Tages durch die Hand eines neuen Prometheus zu neuen Gestalten umgeschmolzen werden.
Doch inmitten des Schutt und Asche regt sich kein Verzagen, sondern ein beispielloser Strom der Hilfsbereitschaft und des bürgerlichen Stolzes. Schon am ersten Tag stellt sich Poststallmeister Häckel mit seinen freiwilligen Fuhren ein, um tagelang unentgeltlich Schutt abzuführen. Regimentssoldaten, Bürger, Akademiker und Handwerker reichen sich die Hände.
Am 21. Januar veranstaltet Direktor Carl im Isartor-Theater eine ergreifende Benefizvorstellung des Trauerspiels „Bayard“, deren gesamte Einnahme von 1.600 Gulden den Brandgeschädigten und verunglückten Helfern zugutekommt – ein Betrag, den die Majestäten höchstselbst großzügig aufstocken.
Und dann, am 22. Januar 1823, ereignet sich jener geschichtliche Moment, der das Band zwischen dem bayerischen König und seiner Hauptstadt für die Ewigkeit schmiedet. Eine Deputation des Magistrats und der Gemeindebevollmächtigten – angeführt von Bürgermeister von Mittermaier, den Räten von Klar und Schindler sowie den Bürgern von Maffei und Pichler – tritt vor König Maximilian I. Joseph. Sie unterbreiten dem Monarchen das stolze Angebot, dem staatlichen Aerar 300.000 Gulden aus der Stadtkasse für den sofortigen Wiederaufbau des Hoftheaters zu schenken, ergänzt durch unzählige unentgeltliche Hand- und Spanndienste der Bürgerschaft.
Der König, tief gerührt von dieser ungeheuren Loyalität, empfängt die Männer mit väterlicher Huld. Seine Worte, dass er seine Bürger und Untertanen aus vollem Herzen liebt, brennen sich in die Chronik der Stadt München ein wie ein edler Schwur.
Epilog: Ein neues Band für die Zukunft
Einige Tage später, am 27. Januar, füllt sich die St. Peters-Pfarrkirche bis auf den letzten Platz.
Ein feierliches Dankamt, angeordnet vom Magistrat, erhebt die Gebete der dankbaren Gemeinde zum Himmel. Man dankt dafür, dass die Residenz gerettet, dass die Katastrophe im Zuschauerraum verhindert wurde und dass die Flammen nicht die gesamte Nachbarschaft verschlungen haben.
Als am 28. Januar der Kanonendonner das feierliche Namensfest der königlichen Gemahlin, Königin Karoline, verkündet, mischt sich der Klang der Militärmusik mit dem geschäftigen Hämmern der ersten Bauarbeiter an den Ruinen des Hoftheaters. Die Katastrophe von 1823, so schmerzhaft sie im ersten Augenblick war, hat das Fundament für einen noch besseren Brandschutz, für modernere Löschgeräte, vereinheitlichte Gewinde und feuerfeste Anstriche gelegt. Vor allem aber hat sie gezeigt, was eine geeinte Gemeinschaft aus Bürgern, Soldaten und Staatslenkern in der Stunde der höchsten Not zu leisten imstande ist.
Die Ruinen des alten Musentempels verwandeln sich im Laufe der kommenden Monate in eine Stätte emsigen Lebens. Das Geld fließt zurück in den Kreislauf der Wirtschaft – verwandelt sich in Lebensmittel, in Brot und Bier für die Arbeiter, in Handschuhe und Stiefel für die Frierenden auf den Dächern. Und während der Rauch des Brandes langsam verweht, steht fest: Das Münchner Hoftheater wird auferstehen, schöner und sicherer als je zuvor, als ein unvergängliches Monument bayerischer Bürgertreue.
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