Ein Hoch auf München
Reihe: Ein Jahrhundert München
Staffel 3 · Folge 1 · Autor: Von G. F. Knapp · Dauer: 05:53
Ein Hoch auf München Von Georg Friedrich Knapp im Jahre 1901 Wie die kulturelle Physiognomie Münchens einem feinsinnigen Beobachter, der Nicht-Münchner ist, erscheint, geht aus einer Tischrede hervor, die der damalige Straßburger Professor G. F. Knapp bei einem Festmahl im Münchner Künstlerhaus hielt. Er sagte unter anderem: „Mit welchem kurzen Worte sollen wir die bayerische Hauptstadt preisen? Wäre es Wien, so würden wir sagen: das lustige Wien. Wäre es Mainz, so würde jeder rufen: das goldene Mainz. Selbst ein unheiliger Dichter, wenn er Köln zu nennen hatte, pflegte unbedenklich zu schreiben: das heilige Köln. Und wenn uns ein gutes Geschick nach Rom geführt hat, wovon anders reden wir dann zu Hause als vom ewigen Rom? Kehren wir aber von München zurück, gleichgültig, ob wir da gemalt oder studiert haben, so fällt uns nach kurzem Besinnen nicht leicht etwas anderes ein als das Wort: wir kommen aus dem gemütlichen München. Und weshalb? Der unerfahrene Student erinnert sich vor allem an den Stoff; der Kleinbürger denkt an die hemdärmeligen Abende auf der Kegelbahn, der Bauer an das bunte, wimmelnde Oktoberfest. Keiner von diesen allen aber hat eine Ahnung davon, was höheren Geistern so sehr an München gefällt. Was fesselte hier den großen Maler aus Waldeck, was bezwang den unerschöpflichen Novellisten aus Berlin, was bestrickte den geistreichen Redakteur der „Allgemeinen Zeitung", seinen Landsmann? Wie kommt es, daß Hunderte von Fremden sich hier einwurzeln, lauter hervorragende Männer, die man nur selten auf Kellerfesten antrifft, und die auf der Theresienwiese mit der größten Regelmäßigkeit — fehlen? Auch ihnen ist München vor allem die gemütliche Stadt. Es muß also, wie es eine höhere Mathematik geben soll, auch eine höhere Gemütlichkeit geben, unerreichbar für den farbentragenden Fuchs, für den beschränkten Handwerker, für den schlichten Bauer — und doch unleugbar vorhanden für den Mann der höheren Kreise und am meisten geschätzt vom Norddeutschen. Man höre nur den Mann des Nordens reden, wenn er von einem bayerischen Landaufenthalt zurückkehrt, etwa aus Tölz oder aus Garmisch: „Kein einziger Geheimrat ist dort gewesen", ruft er mit Befriedigung aus; kein einziger — natürlich außer ihm selbst! Da liegt es. Wie an jenen kleinen Orten, so hat auch in München ein Adel keine Herrschaft, das anderswo so leicht jede Erholung stört: in München kommt die Fexerei nicht auf. Sonst aber ist das Fexentum nur selten, und in einer Beziehung fehlt es ganz: es gibt keine Berufsfexen, oder noch kürzer: München duldet die Fachfexen nicht, die doch sonst in Deutschland aufs schändlichste wuchern. Denn der Deutsche will etwas Tüchtiges sein; er lernt „sein Fach" und „simpelt Fach", bis er in lauter Fachgedanken erstickt und als fertiger Fachfex dasteht. Als Gelehrter liest er und wiederholt er alle Rezensionen; als Beamter kennt er das Klebegesetz auswendig. Jeder findet es beim andern gräßlich, und jeder tut es doch. Nur in der dünnen Luft der bayerischen Hochebene gedeiht der Fachfex nicht. So heilige Namen wie Mozart und Schwind wollen wir nur im Vorübergehen mit Ehrfurcht nennen; sie waren ja Künstler, und die Kunst ist nun einmal die Schöpferin und Hüterin der Ganzheit. Aber hier in München haben auch andere Berufe das Schöne, daß sie ihren Trägern nicht das Mark aussaugen, sondern ihnen die Gesundheit bewahren. Daß sogar Könige hier Menschen bleiben, hat uns Ludwig I. gezeigt. Aber auch in bescheidenen Lebenslagen bewährt es sich, daß der Bayer, und allen voraus der Münchner, gegen die Berufskrankheit des Fexentums geschützt ist. Nehmen wir einmal als Beispiel den Apotheker. In der Residenz wohnte einmal ein solcher, der Hofapotheker Pettenkofer. Seine Rezeptur verstand er so gut, wie je einer es tat, und sein Geschäft betrieb er musterhaft. Aber er konnte noch mehr. Setzte man ihn in das königliche Münzamt, so war er ein Scheidekünstler ersten Ranges. Trug man ihm auf, Vorlesungen über Hygiene zu halten, schuf er so nebenbei das ganze Fach und bildete die Schüler heran, die jetzt auf allen Universitäten Lehrstühle inne haben. Pettenkofer gab sofort ein Verfahren an, die mikroskopischen Risse im Firnis alter Gemälde zu schließen und die alten Farben wieder ausleuchten zu lassen. Im Jahre 1854 fällt ihn die Cholera an; er übersteht die mörderische Krankheit und rächt sich, indem er sie in alle Schlupfwinkel verfolgt, bis er dahinter gekommen ist, wie sie sich verbreitet. Ein Fachmann? Wäre er das gewesen, so hätte ihm seine Apotheke genügt. Nein, er war ein Mann der Wissenschaft und sogar mehr als das. Noch viel mehr aber leuchteten seine Augen, wenn er die Gedichte eines ganz unbekannten Mannes vorlas, die Gedichte Hermann Linggs. Diesen Dichter hat Pettenkofer entdeckt und ans Licht gezogen. Man wird durch diesen Mann an Italien erinnert, dessen große Männer ebenfalls alles konnten, was sie wollten. Dort heißt es: Sei ein bedeutender Mensch, aber bleibe dabei ein Mensch — eine Anschauung, die sich in Deutschland leicht verliert, von der aber in Bayern ein kostbarer Rest geblieben ist. Dankbar ergreifen wir unsere Gläser: es lebe die Stadt, die den Deutschen vor dem Fexentum des Berufs bewahrt; die Stadt, die vom Tüchtigsten fordert, daß er noch ein ganzer Mensch bleibe. Neben das lustige Wien, das goldene Mainz, das heilige Köln setzen wir das gemütliche München: es lebe, wachse und gedeihe!“