Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
Die profane Prunkkassette ist als Typus der Goldschmiedekunst erstmals um 1530-40 in Frankreich und Italien nachweisbar. Ähnlich wie die kostbaren Reliquienkästen des Mittelalters sind die Kassetten der Renaissance reich mit silbervergoldeten Reliefs, kleinplastischen Figuren, farbigen Emails und Edelsteinen, insbesondere mit tiefgeschnittenem Bergkristall, geschmückt. Die qualitätvollsten Exemplare wurden von namhaften bildenden Künstlern entworfen und von erstrangigen Goldschmieden ausgeführt. Ein Zentrum für die Herstellung von Prunkkassetten war Nürnberg, wo Wenzel Jamnitzer und seine Nachfolger Meisterwerke dieser Gattung für die europäischen Fürstenhöfe schufen. Als spektakuläre Schauobjekte zählten Prunkkassetten zu den Kostbarkeiten der Kunst- und Schatzkammern der Renaissance. Über ihre repräsentative Funktion hinaus dienten sie als Behältnisse für Schmuck, Schreibutensilien und andere wertvolle persönliche Gegenstände.
Im 19. Jahrhundert kamen Prunkkassetten vor allem als Ehrengeschenke für verdiente Persönlichkeiten, zu Jubiläen und anderen offiziellen Anlässen wieder in Gebrauch. Künstlerisch anspruchsvolle Kassetten gingen insbesondere aus der Werkstatt Fritz von Millers (1840-1921) hervor, des bedeutendsten Münchner Goldschmiedes der Epoche König Ludwigs II. und des Prinzregenten Luitpold. Wie sehr sein Frühwerk von Vorbildern der italienischen und deutschen Renaissance geprägt ist, veranschaulicht exemplarisch die prachtvolle Kassette, welche die Mitglieder des Deutschen Reichstags ihrem ehemaligen Präsidenten Eduard von Simson im Jahr 1879 zum Geschenk machten. Der auf plastischen Schildkröten ruhende Korpus aus Ebenholz ist an den Ecken und am oberen Abschluss durch virtuos modellierte Bronzefiguren akzentuiert, die von der Florentiner Skulptur der Epoche Michelangelos beeinflusst sind.
Die zweite ausgestellte Prunkkassette Millers birgt in ihrem Innern die Goldene Bürgermedaille, die dem Münchner Magistratsrat und 2. Bürgermeister Philipp von Brunner anlässlich seines 40jährigen Dienstjubiläums im Jahr 1913 verliehen wurde. Die auf einem ganz eigenständigen Entwurf beruhende Kassette ist ein einprägsames Zeugnis für das Bestreben Fritz von Millers, die Stilprinzipien des Historismus harmonisch mit den gestalterischen Anforderungen der Gegenwart zu verbinden.
| Veranstalter | Bayerisches Nationalmuseum |
| Datum | 08.01.2012 |
| Uhrzeit | 11:00 |
| Referent/in | Dr. Michael Koch |
| Treffpunkt | beim Kunstwerk des Monats |
| Anfahrt | U4 / U5 (Station Lehel) / Straßenbahn 17 / Bus 100 Station Nationalmuseum |
| Preis | Museumseintritt |