Marienplatz - Die Pest in München
Reihe: So lang der alte Peter...
Staffel 2 · Folge 16 · Dauer: 04:03
Schlagworte: Pest
Podcast-Skript: Die Pest in München (Stimme: Marcus oder Anthony. Stability: 60%, Clarity: 80%) Achtmal im Ganzen ist München von der Pest heimgesucht worden. Die beiden schlimmsten Pestepidemien waren im 14. und 17. Jahrhundert. In grausiger Form trat sie auf kurz nach Ludwigs des Bayern Tod im Jahre 1548. Das Unheil begann mit einem heftigen Erdbeben, das den Lauf der Flüsse veränderte und Berge zum Wanken brachte. Das war im Januar; bald darnach wurde, angeblich durch genuesische Handelsschiffe, die Beulenpest aus dem Morgenlande eingeschleppt. Vier Jahre lang wütete die Seuche, schien zeitweilig erloschen, flackerte stets neuerdings auf. In Bayern war sie besonders heftig, manche Dörfer starben völlig aus; die mannigfachen Pestsagen schreiben sich von diesem und dem späteren Auftreten des schwarzen Todes her, zum Beispiel das Sprüchlein: „Eßt Kranewitt und Bibernell, so eilt der Tod nit so schnell." In der Hauptstadt München starb der siebente Teil der Bevölkerung; aus den Toren von Passau wurden an einem Tag 300 Leichen getragen. In etwas schwächerem Grade trat eine Seuche im Jahre 1462 auf. Ein volles Jahr herrschte sie in München. Die Münchner in ihrer Not beschlossen, die Hilfe des Himmels anzurufen: sie wallfahrteten im Frühherbst 1463 in feierlicher Prozession zu den Heiligtümern auf den Berg Andechs. 5000 Personen nahmen „mit großer Andacht, mit weinenden Augen und doch frohlockendem Herzen" an der Wallfahrt teil. Bald darnach erlosch die Seuche. Eines ihrer letzten Opfer war Herzog Johann von Bayern, der vor der Pest von München nach Harthausen geflüchtet war, wo ihn am 18. November 1463 der Tod ereilte. Furchtbar wie je, hauste die Pest zwei Jahre nach dem Abzug der Schweden in München. Es wurde angenommen, daß die spanischen Truppen die Seuche eingeschleppt hätten. Der erste Todesfall geschah am 12. August in der Sendlingergasse. Jeder Obrigkeit – so heißt es in dem Polizeimandat – „falle, wenn auch die Krankheit zweifellos von Gott zur Strafe geschickt sei, doch die Pflicht zu, den Schaden so viel wie möglich abzuwenden." Die Pest erreichte in München ihren Höhepunkt im November. Desto erschreckender ist die Fülle von Leiden, die sich in dieses halbe Jahr zusammendrängte. Jede Arbeit stockte. Das Zusammensein innerhalb der Familie wurde gescheut; ein Jeder sah auch im Nächststehenden nur den möglichen Todesbringer. Die Tore der Stadt wurden geschlossen. Alle Briefe wurden geöffnet und tüchtig durchräuchert. Das Geld wurde vor der Berührung in Essig geworfen; der Eintritt in ein verseuchtes Haus war bei Lebensstrafe verboten. Zur Abschreckung waren Galgen in den Straßen der Stadt errichtet. Um die Verbreitung der Seuche zu hindern, wurden die Straßen mit eisernen Ketten gesperrt, ja, völlig verseuchte Gassen wurden mit Brettern verrammelt. Im Oktober und November wurden wöchentlich 200 und mehr Wohnungen gesperrt. Bis in unsere Zeit noch war an einem Hause der Kaufingerstraße ein lateinisches „T" zu sehen, was „Tod" bedeutete. Ein genaues Aufzeichnen der Gestorbenen war unmöglich. Den Totengräbern mußten gegen zwanzig Taglöhner beigegeben werden. Die Leichen wurden gewöhnlich im Totenkarren bei Nacht abgeholt, in die bereiteten Massengrüfte hineingeworfen und mit Kalk zugeschüttet. Gegen 940 Leichen barg jede Gruft. Nach Angabe des Geschichtsschreibers Adlzreiter hätte München damals die Hälfte seiner Einwohner verloren. Als Ende 1634 die Reliquien des heiligen Benno nach München zurückkehrten und bald darnach die Todesfälle sich minderten, atmeten Viele erleichtert auf. Aber so oft die Krankheit erloschen schien, flackerte sie stets von neuem empor; dies währte bis über die Mitte des Jahrhunderts. Endlich hob der „schwarze Tod" sich von dannen. Endgültig. Aber lange, lange lebte in den Gemütern das Entsetzen der Pestzeit fort.